Weg vom „Freak“-Image: Elektromobilität

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Elektroautos noch von Idealisten in kleinen Garagen gebaut. Die Ergebnisse waren nicht selten zu belächeln und vor allem waren sie zumeist unkomfortabel, schwer, nicht besonders schnell und ihre Reichweite arg begrenzt. Die Zeiten fahrender „Badewannen“ sind allerdings längst vorbei und Elektroautos gibt es von der Mittel- bis hin zur sportlichen Oberklasse. Namen wie Tesla oder Faraday Future mischen die Automobilbranche kräftig auf. Auch der Suchmaschinen- und Daten-Gigant Google scheint dieses Geschäftsfeld aufmerksam im Blickfeld zu haben, wie auf der CES 2016 in Las Vegas zu vernehmen war.

Das Elektroauto gilt als Fortbewegungsmittel der Zukunft, denn es bietet nahezu unschlagbare Vorteile gegenüber den konventionellen Fahrzeugen mit einem Verbrennungsmotor:

  • Es verursacht keine Emissionen.

  • Es fährt - vom Reifengeräusch abgesehen - nahezu lautlos.

  • Werden die Fahrzeugbatterien mit Strom aus der eigenen Photovoltaikanlage geladen, ist Mobilität unabhängig vom Energie-Weltmarkt und zudem umweltfreundlich.

Nebenbei erwähnt: Die ITK-Branche, die derzeit technisch und wirtschaftlich dominierende Branche, basiert in ihrer heutigen Tragweite auf den Leistungen von Tüftlern in Garagen. Steve Jobs und Steve Wozniak, die Gründer von Apple, seien nur als Beispiel genannt.

Lange Zeit ein Klassiker, wie man sich ein „Elektro-Vehikel“ vorstelte: Der CityEl wurde in einer Kleinserie gefertigt und fand viele Liebhaber. Das Fahrzeug zeichnete sich durch seine Sparsamkeit aus.

Lange Zeit ein Klassiker, wie man sich ein „Elektro-Vehikel“ vorstelte: Der CityEl wurde in einer Kleinserie gefertigt und fand viele Liebhaber. Das Fahrzeug zeichnete sich durch seine Sparsamkeit aus.

Elektroantriebe werden das Automobil erneuern

Der Elektroantrieb hat das Potenzial, das Automobil zu revolutionieren. Möglicherweise gelingt dies auch wieder beim Design: Als der Benzinpreis noch keine Rolle spielte, waren Autos wahre Schmuckstücke. Das optische Design eines Autos war ein Statussymbol. Natürlich waren das auch Geschwindigkeit und Beschleunigung, doch nannte man damals „schnell“, was heute eher die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit unter normalen Umständen ist. Zugegeben: Ein leistungsstarker Sportwagen oder eine Limousine der gehobenen Mittelklasse lassen die Tachonadel locker weit jenseits der 250 km/h anliegen. Selbst sportliche Elektroautos werden heute bei 200 km/h abgeregelt, um den Energieverbrauch in Grenzen zu halten und die Leistungselektronik nicht zu überfordern. Es sei an dieser Stelle mit Absicht nicht gefragt, wo man heute noch 250 km/h fahren kann.

Eine Idee von vor über 100 Jahren

Die ersten Elektroautos gab es schon vor über 100 Jahren und es gab sogar Jahre, in denen mehr elektrische Autos als Autos mit einem Verbrennungsmotor auf den Straßen fuhren. Es erscheint wie eine Ironie, dass es ausgerechnet ein Elektromotor war, der dem Verbrennungsmotor zum Durchbruch verhalf: In der Form des Anlassers! Schließlich wollte man sich nicht an der verschmierten Kurbel die Hände schmutzig machen.

Das erste Elektroauto wurde von keinem Geringeren als Ferdinand Porsche und Ludwig Lohner entwickelt. Porsche war damals Angestellter der Firma Jacob Lohner & Co. Der Semper Vivus hatte eine Reichweite von ca. 50 km und eine Spitzengeschwindigkeit von 50 km/h. Allein das Gewicht der Bleiakkus betrug 450 kg. Dennoch war der Semper Vivus ein Hingucker auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900.

Elektromobilität war auch im öffentlichen Nahverkehr bereits im 19. Jahrhundert bekannt. So beförderte die Wagonette von Siemens & Halske bereits im Jahr 1882 Passagiere in Berlin-Halensee. Die Wagonette war der erste Oberleitungs- bzw. O-Bus.

Bei der Bahn wurde ebenfalls bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts über elektrische Antriebe nachgedacht. Batterielösungen erwiesen sich jedoch als ungeeignet und die Oberleitung, an die sich Ende des 19. Jahrhunderts noch der Triebwagen mit einem Stangenstromabnehmer ankoppelte, war extrem Pannen anfällig. Erst mit dem Bügelstromabnehmer konnte sich die Elektrifizierung der Bahn, einschließlich der Straßenbahn im 20. Jahrhundert durchsetzen.

Der Tesla-Roadster besticht durch eine sensationelle Beschleunigung von 0 auf 100 km/ in nur 3,8 Sekunden. Wer will da noch sagen, Elektromobilität wäre „langweilig“?

Der Tesla-Roadster besticht durch eine sensationelle Beschleunigung von 0 auf 100 km/ in nur 3,8 Sekunden. Wer will da noch sagen, Elektromobilität wäre „langweilig“?

Widerstand gegen die Elektromobilität

Elektromobilität ist nichts Neues und doch werden Ziele, die den Klimaschutz betreffen, bis zum weit entfernten Jahr 2050 gesetzt. Diese Ziele werden bereits heute als schwer haltbar angesehen, was angesichts ideologischen Widerstandes nicht verwundert.

Ähnlich wie in den 70er Jahren, als die Wurzeln moderner Computer- und Informationstechnik gesetzt wurden, ist das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts entscheidend für das Umdenken im Straßenverkehr. Die Abkehr vom Verbrennungsmotor ist eine große Chance für technische Innovationen. Sie wird neue Märkte eröffnen, wie einst der Fortschritt in der Computerbranche, doch sie steht großen, heute existierenden, Märkten entgegen: Die Automobilbranche will Börsenerfolge und Unternehmenswachstum sehen. Die Deutsche Bahn AG und übrigens auch alle Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel arbeiten nach dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit. Die Erdölbranche verdient am Straßenverkehr Milliarden, Tendenz steigend! Allein für die Kunststoffindustrie wird Öl kein lukrativer Rohstoff sein.

Elektromobilität bietet in Kombination mit der eigenen „Stromproduktion“ aus Photovoltaik-Anlagen eine weitgehende Autarkie. Das bedeutet einen „Machtverlust“ im Energie-Weltmarkt und damit auch Auswirkungen auf die Volkswirtschaften und die Staatseinnahmen. Die Widerstände sind also aus vielerlei Hinsicht groß und in der Tat müssen die globalen aber auch nationalen wirtschaftlichen Strukturen berücksichtigt werden, wenn es um Elektromobilität und regenerative Energietechnologien insgesamt geht, um einen Kollaps zu vermeiden.

Was stand der ITK-Revolution entgegen? – Karteikarten und staatlich bürokratische Telefonnetze! - Mit der Aufhebung staatlicher Monopole in der Kommunikationswirtschaft waren diese Widerstände gebrochen. Umwelt-, Klimaschutz und innovative, vor allem aber unabhängige Mobilität durchzusetzen, wird also ein sehr schwieriger Weg werden. Nicht wegen der Technik, nicht wegen der „Gesamtwirkungsgrade“, sondern wegen politischer und wirtschaftlicher Interessen. Solange Techniker jedoch Freude an Innovationen haben, wird sich diese Art der Mobilität auf kurz oder lang trotz aller Widerstände durchsetzen.

Elektromobilität als Chance

Ganz klar: Elektromobilität ist eine große Chance für die Umwelt: Elektrisch angetriebene Fahrzeuge sind leise, sparsam im Energiekonsum und stoßen keine Abgase aus. Dies kommt zunächst einmal direkt den Menschen in den Ballungsräumen zugute, die spürbar saubere Luft atmen werden.

Elektromobilität ist aber auch eine „grüne Wiese“ für Innovationen! Kritiker reklamieren immer wieder, dass auch ein Elektroauto im gleichen Stau steht wie ein „Verbrenner“ und den gleichen Parkraum einnimmt. Die Frage ist aber: Wer sagt denn, dass Elektroautos in Zukunft groß sein müssen? - Das Problem liegt nicht in der Größe der Fahrzeuge, denn Autos wie ein Smart, ein Fiat 500 oder sogar die zahlreichen Micro-Cars zeigen deutlich, dass Kleinwagen nachgefragt werden. Das Problem ist ein nicht nur fortwährender, sondern nach Ansicht der Redaktion deutlich expandierender Drang nach Statussymbolen. Die gern postulierte These, dass Jugendliche Menschen eher auf aktuelle Kommunikations- und Unterhaltungselektronik als auf das Auto setzen, um damit Prestige und eine persönliche Rangdarstellung zu versinnbildlichen, gilt keinesfalls für die Mehrheit der Menschen. Man kann dieses Phänomen durchaus unter Personen einer vergleichbaren sozialen Ebene beobachten. Insgesamt definieren sich aber nach wie vor soziale Schichten durch hochpreisigen Besitz und dazu gehören unter anderem große, teure Autos. Fragt man die Menschen, dann ergeben sich natürlich scheinbar andere Bilder: „Selbstverständlich“ dienen die schweren SUVs, die zugegeben mittlerweile auch sparsame Motoren verwenden, nur funktionellen Ansprüchen. Dies gilt auch für Innenstädte. So sind mit nur einer Person besetzte, immer breiter, länger und höher werdende Autos auf den Straßen die Regel.

Elektromobilität bietet die Chance, umzudenken und trotzdem eine Kultur von leistungsfähiger und sportlicher Mobilität zu etablieren. Ein Beispiel ist der kleine Renault Twizy, der zwischen einem Auto und einem Quad einzuordnen ist. Der kleine Flitzer ist für die Stadt und Strecken bis zu 100 km ideal und bringt Fahrspaß mit sich. Das Fahrzeug ist aber noch mehr: Es ist bereits kurz nach seiner Marktpremiere „Kult“ geworden und durchaus Teil einer modernen, „stylischen“ Szene.

Chancen bietet Elektromobilität auch im Design neuer Konzepte für die Mobilität an sich. Carsharing ist ein Ansatz, der den öffentlichen Personennahverkehr um eine individuelle Mobilitätskomponente erweitern kann. Hier sind natürlich vorwiegend kleine und flexible Fahrzeuge in die erste Wahl, die preislich erschwinglich sind und von einer breiten Masse genutzt werden können.

Eine der größten Chancen, die die Elektromobilität bietet, wird aber möglicherweise in Europa verschenkt: die Technologieführerschaft! - Elektromobilität bietet Ingenieuren ein herausragendes Betätigungsfeld. Es sind nach wie vor viele technische Fragen zu beantworten und insbesondere in der Lade- und Batterietechnologie Optimierungen zu finden. Anstatt sich diesen Herausforderungen zu stellen, die Forschung und Entwicklung zu fördern und damit sowohl die Energiesystemtransformation als auch die Elektromobilität voran zu treiben, wird insbesondere aus den Reihen der Politik massiv gemauert. Lediglich in Lippenbekenntnissen wird aus taktischen Gründen scheinbar Unterstützung suggeriert.

Der Opel Ampera ist ein Full-Hybrid-Fahrzeug, das sowohl bis zu 80 km rein elektrisch als auch beliebig weit durch eigene Erzeugung elektrischer Energie mithilfe eines Verbrennungsmotors unterwegs sein kann.

Der Opel Ampera ist ein Full-Hybrid-Fahrzeug, das sowohl bis zu 80 km rein elektrisch als auch beliebig weit durch eigene Erzeugung elektrischer Energie mithilfe eines Verbrennungsmotors unterwegs sein kann.

Ein Beispiel ist im wirtschaftlich schwach aufgestellten österreichischen Bundesland Kärnten zu finden. Viele Jahre lang engagierte sich die dortige Landesregierung für den Ausbau von Infrastrukturen, für Information und Aufklärung und nicht zuletzt für die Förderung der Elektromobilität als solche. Ein kleiner Fachkongress, das „New Mobility Forum“ in St.Veit/Glan, zu deren Referenten Experten aus Forschung, Technik, Wirtschaft und Politik aus aller Welt gehörten, wurde mit einem Regierungswechsel kurzerhand mit finanzieller Begründung abgesetzt. Die Ladeinfrastruktur, die im ländlich geprägten Bundesland bereits sehr gut ausgebaut ist, soll privatisiert werden.

In weiteren Schritten wären Ansiedlungen von Forschungs- und Entwicklungsinstituten sowie von Start-Ups denkbar gewesen. Diese zu fördern, vergleichbar einem Silicon Valley in der ITK-Branche, brächte nicht nur Know how in die Region, sondern würde Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaftskraft des gesamten Landes steigern. Kärnten hat diese Chance vertan! Es scheint, als wäre ein kleiner, aber viel versprechender Keimling aufgrund parteitaktischer Motive zertreten worden.

Insgesamt werden trotz aktuell (Stand: Januar 2016) fallender Treibstoffpreise nicht zuletzt wegen Skandale bei Abgasemissionsmessungen und der zu erwartenden CO2-Emissionsgrenzen Elektroantriebe auf breiter Front kommen. Zunächst werden sich Hybrid-Fahrzeuge durchsetzen, die im Stadtverkehr elektrisch und auf Langstrecken mit einem Verbrennungsmotor angetrieben bzw. deren Batterien über einen Verbrennungsmotor geladen werden. Das ist natürlich bei Weitem noch nicht das Ziel und längst nicht ausreichend, aber es ist ein wichtiger Schritt, um Autofahrer mit Elektroantrieben vertraut zu machen. Wichtig ist jedoch, die Entwicklung hin zum rein elektrischen Antrieb, nie aus den Augen zu verlieren, weil sonst Hybrid-Antriebe lediglich als Sicherung der Pfründe einer „Öl-Lobby“ dienen werden.

(rs/01-2016)